PROJEKTREPORTAGE

Hildburgschule, Rinteln

bez+kock architekten 

Foto: Marcus Ebener

Erfolgreich auf dem Holzweg

  • Text: Michael Kasiske
  • Fotos: Marcus Ebener

Die im letzten Jahr bezogene Hildburgschule im niedersächsischen Rinteln wird allerorten als nachhaltiger Holzbau gepriesen. Zu Recht, doch über die ökologischen Aspekte hinaus hat die Integrierte Gesamtschule von Bez + Kock Architekten weitere Qualitäten aufzuweisen.

Wer am Rande einer in die Jahre gekommenen Siedlung die Hildburgschule vor sich sieht, müsste an ein gelandetes UFO denken, wenn solche Phänomene denn aus Holz wären. Nicht allein in Konfrontation mit vorstädtischen Wohnhäusern, der langgestreckte Quader bildet ebenfalls ein selbstbewusstes Gegenüber zum Gymnasium Ernestinum, das in den 1970er Jahren aus Betonfertigteilen errichtet wurde. Mit dem Ernestinum pflegt die Integrierte Gesamtschule, wie Schuldirektor Torsten Rudolf betont, eine gute Nachbarschaft. Aula, Mensa sowie Konferenzräume sind wechselseitig in Benutzung.

In Rinteln lernen
Das rund 26.000 Einwohner zählende Rinteln liegt in Niedersachsen am Rand des Weserberglands. Durch die Lage am Fluss und der seit 800 Jahren bestehenden Querung besaß die Stadt im Mittelalter eine Schlüsselstellung im Handel; ab 1619 betrieb sie fast zweihundert Jahre lang eine Universität, deren Fachwerkgebäude noch heute die pittoreske Altstadt zieren. In dem kleinteiligen Stadtkern lagen auch die Standorte der Hildburgschule, die 2015 aus dem Zusammenschluss von Real- und Hauptschule entstanden war. Mit dem Neubaubeschluss hat die Stadt ihre weiterführenden Schulen in dem südlich des Stadtzentrums liegenden Ortsteil Burgfeldsweide konzentriert, da sich neben dem Gymnasium dort auch die Berufsschule befindet.

2017 schrieb der Landkreis Schaumburg den Wettbewerb für den Schulneubau unter fünfzehn Büros aus. „Außen- wie innenräumlich überzeugt der Entwurf durch eine sehr klare, stringente Gliederung, die sich sinnvoll aus der Konstruktion ableitet“, urteilte das Preisgericht über den erstplatzierten Entwurf des Stuttgarter Büros Bez + Kock. Die sogenannten „Lernhäuser“ behaupteten sich, wie Schuldirektor Rudolf berichtet, gegenüber dem zweiten Preis vom Münchener Büro Schürmann Dettinger, das eine „Lernlandschaft“ unter einem großen Dach anbot.

Dass der prämierte Entwurf seine beinahe selbsterklärende Gliederung behielt, war ein Anliegen der Schulleitung. Beim Treffen vor Ort zusammen mit Thorsten Kock, dem zuständigen Partner im Architekturbüro, kommt die konstruktive Zusammenarbeit während der Planungsphase zur Sprache. Kock lobt die klaren Vorstellungen von Rudolf, insbesondere was Organisation und Einrichtung betraf; Rudolf wiederum konnte der Kompetenz der Architekten beim Umsetzen seiner Wünsche vertrauen.

Lichter Baukörper
Die Schule besuchen aktuell rund 900 Schülerinnen und Schüler in 30 Klassen mit in der Summe 85 bis 90 Lehrkräften und Integrationshelfern, da bei rund sieben Prozent ein besonderer Förderbedarf besteht. Der lichte Baukörper lässt so viele Menschen nicht vermuten. Die Transparenz nach außen habe bereits im Wettbewerb die Blicke auf sich gezogen, so Rudolf, damit konnte trotz des kompakten Baukörpers eine weitgehend natürliche Belichtung gewährleistet werden.

Gestalterisch bildet das Erdgeschoss eine Art Plattform, auf das die drei Lernhäuser aufsetzen. Jeweils die fünfte und sechste, die siebente und achte sowie die neunte und zehnte Klasse belegen ein Haus; bei Bedarf für eine Oberstufe – bislang wird dann auf das nun benachbarte Ernestinum gewechselt – kann ein weiteres Segment angefügt werden. Jedes Lernhaus funktioniert autark wie eine kleine Schule. Jedes hat ein eigenes Lehrerzimmer, eigene sanitäre Einrichtungen sowie Schließfächer, die es für alle Schülerinnen und Schülern des jeweiligen Jahrgangs gibt.

Damit gelang es Schulleiter und Architekten, trotz der großen Ausdehnung nicht eine Flurschule, sondern Orte zu schaffen – auch im großen Erdgeschoss. Das fängt mit der vorgelagerten Wandelhalle an, in der sich morgens die auswärtigen Schüler sammeln. Vom parallelen, 111 Meter langen Foyer aus werden die Fachklassen, die beiden Konferenzräume und die Verwaltung erschlossen. Dort befindet sich auch das Konferenzzimmer, das als sozialer Aufenthaltsort für die Lehrerinnen und Lehrer dient, um einer Verinselung innerhalb des Kollegiums durch die Jahrgangslehrerzimmer entgegenzuwirken.

Belichtet wird das Foyer auch durch die zwei kleineren Innenhöfe. Ein dritter in der Mitte ist überdacht und kann als Versammlungsraum mit 190 Sitzplätzen genutzt werden. Die beiden großen Innenhöfe, an denen Freizeitbereiche sowie einige Fachklassen wie das Musikzimmer angelagert sind, versorgen den hinteren, langen Flur mit Tageslicht.

Die gelungene funktionale Planung wird in Schatten gestellt von der Konstruktion der Hildburgschule aus Holz. Dafür haben die Architekten schon den Holzpreis des Landes Niedersachsen verliehen bekommen, zu dem sich gewiss weitere Auszeichnungen gesellen werden. Es gelingt den Architekten, das effizient dimensionierte Skelett aus Brettschichtholz als Tragstruktur offen zu zeigen, sodass das Haus konstruktiv „lesbar“ wird. Die Decken des Erdgeschosses sind in Holz-Beton-Verbund erstellt, bestehend aus Holzbalkenlage und sichtbaren Betonfertigteilen; die Decke des Obergeschosses wiederum besteht aus Brettsperrholz. Die Beplankung stammt von Lärchen, die in den Wäldern des Landkreises geschlagen wurden. Mit nicht unberechtigtem Stolz erzählt der Schuldirektor, dass die Schülerinnen und Schüler die Anzahl der geschlagenen Bäume wiederaufgeforstet haben.

Dass der prämierte Entwurf seine beinahe selbsterklärende Gliederung behielt, war ein Anliegen der Schulleitung.

Lokales Holz vs. Lokalpolitik
Das Bereitstellen lokalen Holzes zu einem Preis von lediglich 15.000 Euro trug ein wenig zum Überwinden der Widerstände in der kommunalen Politik bei, von denen Rudolf und Kock erzählen. Im Stadtrat wurde nicht gern gesehen, dass der Hauptauftrag für den Bau an ein einschlägig versiertes Bauunternehmen in Süddeutschland ging, statt an einen ortsansässigen oder wenigstens im Landkreis beheimateten Betrieb. Naheliegend wurde mit Bedenken wegen des Brandschutzes argumentiert, doch die konnten widerlegt werden. In der Praxis erfolgt das Entfluchten der Schule innerhalb von 1,5 Minuten jeweils zur Hälfte über innen und außen liegenden Treppen.

Dank des Holzbaus hält das eher rückständige Bauwesen Schritt mit den Entwicklungen der Gegenwart, wie die Hildburgschule zeigt. Genauso wie dort der Informatik- und Werkraum mit einem 3D-Drucker und alle Schülerinnen und Schüler selbstverständlich mit iPads ausgestattet sind, kann Holz als zeitgenössischer, nachwachsender und – das zeigen die Rintelner Fachwerkhäuser vorbildlich – langlebiger Baustoff reüssieren, der sowohl alle Vorteile der Vorfertigung und des raschen Errichtens mit sich bringt als auch die Anforderungen an die Sicherheit erfüllt. Der Vollständigkeit halber sei ergänzt, dass sich auf den Dachflächen eine große Fotovoltaikanlage befindet und dass das Haus über eine Bio-Fernwärme-Anlage beheizt wird.

Vielleicht versöhnt die hohe Identifikation der gesamten Belegschaft mit dem Gebäude die lokalpatriotischen Politikerinnen und Politiker, denn es sieht auch nach gut einem Jahr Nutzung noch aus wie neu. Aus dem Fehlen von Graffitis und anderem Vandalismus schließt der Schuldirektor nicht von ungefähr auf einen wertschätzenden Umgang mit dem Gebäude. Dass man sich innen wie in einem skandinavischen Ferienhaus fühle, kommt wohl nur Eltern in den Sinn.

Dank des Holzbaus hält das eher rückständige Bauwesen Schritt mit den Entwicklungen der Gegenwart, wie die Hildburgschule zeigt.

Architekten

bez+kock architekten 

bez-kock.de

bez+kock architekten bda, Königstraße 84, 70173 Stuttgart

Das Büro bez+kock architekten wurde 2001 von Martin Bez (rechts) und Thorsten Kock (links) in Stuttgart gegründet und beschäftigt heute rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Aufträge resultieren vornehmlich aus gewonnenen Architekturwettbewerben. Ziel ist es, aus den vorgefundenen Parametern, Ort, Funktion und Budget eine unverwechselbare und stimmige Architektur zu entwickeln, die sich durch ressourcenbewusste Langlebigkeit auszeichnet. Schwerpunkte des Büroportfolios sind Bauten für Kultur, Bildung und Verwaltung.

Projekte (Auswahl)

2019 Museums- und Kulturforum Südwestfalen, Arnsberg

2016 Anneliese- Brost-Musikforum Ruhr, Bochum

2010 Oberösterreichische Landesbibliothek, Linz

Weitere Beiträge