Projektreportage

DFB-Campus, Frankfurt am Main

Kadawittfeldarchitektur, Aachen

Foto: HG Esch

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Fußball unterm Dach

  • Text: Uta Winterhager
  • Fotos: HG Esch

Fußball ist weit mehr als nur das Spiel mit dem Ball – wenn es um den Deutschen Fußball-Bund geht. Zum DFB gehören Verwaltung, Marketing, Medien, Management genauso wie Training, Taktik, Therapie. Im Dachverband kommen alle, kommt alles zusammen. Dem gibt der nach eineinhalb Jahren Bauzeit im Juni 2022 im Frankfurter Süden eröffnete DFB-Campus nun eine bauliche Gestalt: ein großes Dach.

Mit dem großen Dach überzeugten kadawittfeldarchitektur (Aachen) mit Greenbox Landschaftsarchitekten (Köln) bereits 2015 im Wettbewerbsverfahren. An einen langgestreckten Bau fügen sich Funktionsbereiche pragmatisch in alle Richtungen an. Von Rasenplätzen umgeben, reicht die Sicht von innen ins Grün, das von der Sportanlage zur Innenstadt hin urbane Gestalt annimmt und sich gen Süden und Westen im Stadtwald fortsetzt.

Der Standort an der Grenzlinie zwischen den Stadtteilen Niederrad und Sachsenhausen ist für den DFB ein Glücksfall, nicht primär wegen des Blicks auf die Skyline, sondern wegen des nahezu idealen Verhältnisses von Innenstadtnähe und räumlicher Freiheit, denn Fußball braucht Platz. Weichen musste dafür die vor mehr als 150 Jahren gegründete Galopprennbahn, in deren Mitte sich kurioserweise ein 9-Loch- Golfplatz befand. Frankfurts erster Bürgerentscheid, mit dem der Stadt das Geschäft mit dem DFB untersagt werden sollte,

Die Hybris der Nutzungen erfordert vielfältige Antworten auf Erfordernisse an Arbeits-, Sport- und Versammlungsstätten und an temporäres Wohnen

-Lars Junold, kadawittfeldarchitektur

scheiterte 2015 am Quorum. Das Rennbahnareal wurde schließlich geteilt, der DFB ist Erbbauberechtigter für 15 Hektar plus weitere 5 Hektar als Erweiterungsfläche. Ein Mehrwert für alle ist der 2022 von der Stadt Frankfurt öffentlich angelegte Rennbahnpark, den ein Zaun vom DFB-Campus trennt.

Viel Fläche für den Fußball

Für den Bauherrn, der 150 Millionen Euro in den Neubau investiert hat, ist die Verzahnung aller Facetten des Fußballs eine neue Erfahrung. Erstmals verfügt der Dachverband über eigene Fußballplätze. Auf 56.850 Quadratmetern BGF gibt es rund 700 Büroarbeitsplätze, drinnen und draußen gibt es 4,5 Fußballplätze für die sportlich Aktiven. Der Campus ist linear organisiert. An den 300 Meter langen, in Nord-Süd-Richtungen verlaufenden „Sportboulevard“ docken von beiden Seiten „Häuser“ mit unterschiedlichen Funktionen an. Die (Hybrid-) Rasenplätze liegen, gefasst vom Neubau und vom Grün des auslaufenden Stadtwalds geschützt, im nord-östlichen Bereich des Campus. Auch die Erschließung erfolgt von zwei Seiten: Der repräsentative Eingang – hier kann auch der Mannschaftsbus vorfahren – liegt im Süd-Osten, an der Kennedyallee; der für Mitarbeiterinnen und Gäste im Westen, in der Nähe des großen Parkhauses direkt an der Schwarzwaldstraße. Offen über drei Ebenen führt der Boulevard Menschen und Nutzungen wieder zusammen, die Abgrenzung der halböffentlichen von den internen Bereichen an der jeweiligen „Haustür“ ist räumlich eindeutig und elektronisch gesichert. Die skulptural aufgefaltete Dachform betont die Knotenpunkte der Magistrale, insbesondere den sogenannten „Marktplatz“, das große Foyer mit Empfang. Durch die Richtungsänderungen der Alu-Stehfalzdeckung ist dies in der Dachaufsicht ein reizvoller grafischer Effekt, bei dem in Dreiecke zerlegte Flächen hervortreten. Doch drängt sich die Frage auf, ob ein Gründach – oder ein Fußballplatz auf dem Dach – nicht eine nachhaltigere Wirkung gehabt hätte. In der Untersicht findet sich das Thema geometrischer Formen als Gipskartonbeplankung in CNC-gefrästen Knoten wieder. In weißer oder blauer Farbe sollen sie das Himmelsbild verkörpern.

Fußball verwalten und vermarkten

Im südlichen Kopfende liegen auf vier Geschossen um einen Lichthof gruppiert die Büros der Verwaltung und Direktionen sowie im Erdgeschoss das Pressezentrum. Offene Bürolandschaften und Zellenbüros werden durch Meetingpoints und kleinere Rückzugsinseln in der Mittelzone ergänzt. Die Arbeitsbereiche sind in lichtem Grau neutral gestaltet. Die Stoffe der Sessel und Sofas, die individuell gefertigten Teppiche sowie akustisch wirksame Fenster- und Wandpaneele setzen farbige Akzente in Gelb und Grün. Für den informellen Austausch unverzichtbar sind die in unterschiedlichen Rasentönen gestalteten Teeküchen. Von Westen schiebt sich, über Blick in Richtung Norden auf die Skyline von Frankfurt. Mitten im Stadtwald, auf dem ehemaligen Gelände der Galopprennbahn, widmet sich die neue Anlage dem Fußballspiel und -management. Die verbindende Magistrale erstreckt sich über 300 Meter von der Verwaltung bis zur Mehrzweckhalle drei Geschosse holzverkleidet, der Konferenz- und Gastrobereich an die Magistrale. Ein bisschen Flughafenatmosphäre entsteht auf den langen Gangways, doch Cafeteria im EG und das darüber liegende Restaurant nehmen an zentraler Stelle des Marktplatzes etwas Tempo raus. Gegenüber dockt die dreigeschossige Akademie an, die mal als Wissensspeicher, als Kreativwerkstatt, Trainingscamp oder Schulungszentrum beschrieben wird. Im TechLab werden neue Trainingsmethoden getestet. Die medizinische Ambulanz sowie Räume für Physio, Reha und Wellness liegen im hochfunktionalen und viel frequentierten Erdgeschoss. Hier bringen drei polygonale Glasschächte, in denen Steingärten angelegt sind, Licht in die Tiefe. Den Abschluss der Magistrale bildet im Norden eine kleinere Mehrzweckhalle, in der Futsal, eine Hallenfußballvariante, gespielt werden kann, die aber auch Abendveranstaltungen einen angemessenen sportlichen Rahmen bietet.

Im Fußballhimmel

Das Thema der grafischen Zerlegung von Oberflächen bestimmt die Gestaltung. Die Paneele und Beplankungen an Fassaden, Wänden, Decken, Dach und Böden sind in jedem Winkel der komplexen Gebäudegeometrie präzise detailliert und sauber zusammengefügt, sodass ein fast synthetisches Bild gezeichnet wird. In Form von rein dekorativen Fünfecken setzt sich die grafische Ausgestaltung fort, zum Beispiel als Intarsien in die PU-Beschichtungen der Böden, in der fragmentierten Medienwand im Foyer oder als Figur von Beeten und Pflanzkübeln auf der großen Terrasse.

Zum Sport orientiert sei das Gebäude, so Kilian Kada bei der Begehung. Überall öffnen sich große Fenster, Logen, Tribünen und Terrassen auf die drei Kunst- oder Hybridrasenplätze und in die gewaltige Fußballhalle. Sie ist das einzige überdachte, den UEFA-Wettkampfrichtlinien entsprechende Fußballfeld Deutschlands: Sichtbeton, Kunstrasen, Stahlfachwerkträger und EFTE Folienkissendach, herrlich unaufgeregt und damit sicher der schönste Raum.

All diejenigen, die während ihrer Lehrgänge oder Trainingseinheiten in einem der Athletenzimmer im dreigeschossigen Trakt auf dem Campus wohnen, gelangen von dort direkt auf die Sportplätze. Die Doppelzimmer sind zweckmäßig und freundlich ausgestattet, dem Standard der Nationalmannschaft der Männer entsprechen sie nicht, für viele andere gehen hier Fußballträume in Erfüllung.

Im Gespräch mit Lars Junold von kadawittfeldarchitektur

Insbesondere in Sportstätten sind Sanitäranlagen von großer Bedeutung. Die Verwendung von Grohe Produkten im DFB Campus ist Anlass, bei Lars Junold, Assoziierter und Niederlassungsleiter in München von kadawittfeldarchitektur nachzufragen, wohin die architektonischen Entwicklungen im Sanitärbereich gehen.

Gerade im Sport, zumal im Profifußball, sind die Sanitärbereiche von zentraler Bedeutung. Welchen Anforderungen des DFB musste sich das Architekturbüro kadawittfeld stellen? Wie wurde ihnen entsprochen?


Lars Junold: Die Anforderungen an die Sanitärbereiche im DFBCampus sind vielfältig, da unter einem gemeinsamen Dach viele verschiedene Funktionen zusammenkommen. Von klassischen Toiletten in den Büroetagen der Verwaltung, über die Badezimmer in den Gästezimmern bis hin zu Sanitärräumen in den Umkleidebereichen sowie im Regenerations- und Fitnessbereich der Akademie. Alle eint, dass Funktionalität und Langlebigkeit im Vordergrund standen.

Gab es Vorgaben an den Bau als Sportcampus, die sich von üblichen Sportstätten abheben?
Der DFB-Campus ist keine reine Sportstätte. Die hybride Nutzung erfordert vielfältige Antworten auf Erfordernisse an Arbeits-, Sport- und Versammlungsstätten und an temporäres Wohnen.

„Die Toiletten im Campus sind für alle nutzbar, unabhängig vom Geschlecht“, steht an den Türen im Eingangsbereich. Unterscheiden sich geschlechtsneutrale Toiletten architektonisch von klassisch getrennten?

Die Idee, die an das Foyer anschließenden Toilettenanlagen für Besucher wie von Ihnen zitiert zu kennzeichnen, kam uns erst kurz vor der Fertigstellung. Von unserem Büro geplant wurden also keine spezifischen geschlechtsneutrale Toiletten. Wenn man so will, haben wir lediglich die Beschilderung angepasst.

Gab es Anforderungen an die Armaturen? Spielten zum Beispiel Wasser und Energie zu sparen bei der Auswahl eine Rolle?

Bei der Produktauswahl waren eine gute, zeitlose Gestaltung sowie die Eignung für den Objektbereich ausschlaggebend.

Trainingsbereich
Waschtischarmatur Eurocube E
WC-Betätigung Skate Cosmopolitan
Urinal-Betätigung Tectron Skate E
UP Thermostart Grohtherm
Kopfbrause Rainschower Cosmopolitan

Gästezimmer
Wandarmatur Essence
WC-Betätigung Skate Cosmopolitan
UP Thermostart Grohtherm
Handbrause Tempesta
Kopfbrause Tempesta

Architekten

kadawittfeldarchitektur

kwa.ac

kadawittfeldarchitektur, Aureliusstraße 2, 52064 Aachen

kadawittfeldarchitektur, 1999 gegründet, plant und realisiert Projekte aller Größenordnung vom Interior Design über Architektur bis hin zur Stadtplanung und hat zahlreiche Wettbewerbserfolge und Auszeichnungen vorzuweisen. Im Dialog entstehen maßgeschneiderte Lösungen, zugeschnitten auf die räumlichen, funktionalen und ökologischen Anforderungen und den soziokulturellen Kontext. Gute Gestaltung, Denken in Kreisläufen, Respekt vor Ressourcen, Kontext und Bestand sind wesentlich für die Arbeiten des Büros.

Projekte (Auswahl)

2018 RAG Kreislaufhaus in Essen

2015 Grimmwelt Kassel

2014 Salzburger Hauptbahnhof

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